Portrait

Wolfgang Zät

geboren 12. Mai 1962 in Vinelz,
lebt und arbeitet in Bern 

Ausbildung bei:

R. Steffen, Lithograph, Langenthal
P. Travaglini, Bildhauer, Büren a.A.
C. Yvel, Maler, Paris
J. Häusler, Maler und Bildhauer, Basel


Wolfgang Zät ist in erster Linie Graphiker. Das umfasst die Tätigkeiten des Zeichners, Holz- und Linolschneiders, Radierers und Druckers. Seine bevorzugte Technik ist der Hochdruck, ein Verfahren, bei dem die unbearbeiteten Partien der Platte, welche allein die Druckerfarbe aufnehmen, schwarz auf dem Papier abdrucken, während alle ausgeschnittenen Linien und Flächen hell bleiben. 

Aus dieser Eigenschaft des Verfahrens, das gegenüber dem Tiefdruck ein Umdenken erfordert, da alles Bearbeitete als Nichtton resultiert, der die Form ex negativo bestimmt, ergeben sich die formalen Richtlinien seines Schaffens. Das dominante Schwarz kontrastiert mit weissen Flächen unbedruckten Papiers. Die zeichnerische Struktur besteht aus Geflechten von ineinander verschlungenen Linien und Feldern, die entfernt an Ornamente der irisch-angelsächsischen Buchmaler erinnern. Im Unterschied zu diesen liegen aber Zäts Kompositionen landschaftliche Erinnerungen zugrunde: Man glaubt gelegentlich in einen Wald zu blicken: Auf einer Lichtung, in einem See, spiegelt sich der Mond; undurchdringliches Dickicht umwuchert die Ränder. Ist es überhaupt noch eine Landschaft oder nicht vielmehr schon die Befreiung davon? 

Je näher man herantritt, desto stärker emanzipiert sich die Linie von ihrer beschreibenden Funktion und folgt ungegenständlichen Prinzipien. Es überrascht daher nicht, dass es von Zät Bilder gibt, die ganz abstrakt sind, und auch die vorbereitenden Zeichnungen mit Rohrfeder und brauner Tinte wirken wie Ausschnitte aus van Gogh , die sich von aller Formgebung entfremdet haben. 

Zät scheint sich für die dünne Grenze zwischen den Bereichen des Gegenständlichen und des Ungegenständlichen zu interessieren, an der die Kunst ihren Auftrag findet. Dabei ist er nicht der Erste, der dieses Schattenreich aufsucht. Man fühlt sich gelegentlich an die Romantiker erinnert: lavierte Mondscheinzeichnungen von Caspar David Friedrichs , frühe Lithographien von Carle Vernet , die hochdramatische Transparentmalereien eines Franz Niklaus König. 

Was ihn aber von diesen Werken unterscheidet, ist der bewusste Bezug zur Ästhetik des abstrakten Bildes, die historisch bereits hinter ihm liegt. Holzschnitte von Felix Vallotton und Auguste Lepère oder die Radierungen von Rodolphe Bresdin kommen in den Sinn. 

Aus diesen Quellen hatte schon Georg Baselitz in seinen monumentalen Linolschnitten der frühen achtziger Jahre geschöpft, allerdings ohne die Feinheit von Zät zu erreichen. Die Linien verselbständigen sich noch nicht, sie sind immer stets Körper und Raum. 

Zäts jüngste Arbeiten sind monumentale Linolschnitte, die Mass an den monumentalen Holzschnitten von Franz Gertsch genommen haben könnte. Der Wunsch, durch radikale Vergrösserung des Formats den graphischen Strukturen ein neues Aufgabenfeld zu geben einerseits, und die Wahrnehmung des Betrachters zu entgrenzen andererseits, liegt beiden zugrunde. Beide Künstler beherrscht die Leidenschaft, über die Grenzen ihres Handwerks hinauszugehen. Doch in den Motiven unterscheiden sie sich. Gertsch diszipliniert sich in einer Anlage von Myriaden von Punkten, die sein Grabstichel ausgräbt. Er bildet sein Bild aus Lichtpunkten entlang der Konturen des Wirklichen. Zät kennt nur die Linie und die Fläche. Seine Kompositionen besitzen ein höheres Entwicklungspotential. Sie entstehen aus der Phantasie und dem Gefühl für Rhythmus, ohne sich dem Zwang des Abbildens zu unterwerfen. Dadurch wirken seine Bilder pathetisch und sinnlich zugleich. Sie ziehen die Blicke auf sich und lassen sie nicht so leicht wieder los. 

Norberto Gramaccini